Verein - Verbandsrunde Wunder, Sensation oder einfach nur der verdiente Lohn? Me.Hubel/J.Kürten - 19.05.10
Wunder, Sensation oder einfach nur der verdiente Lohn?
Birkenfeld steigt nach über 2 Jahrzehnten wieder in die Verbandsliga auf!

Eine wesentliche Eigenschaft guter Schachspieler ist die Geduld. Die Birkenfelder Schachspieler mussten sie 23 Jahre aufbringen, denn so lange ist es her, dass sie letztmals in der Verbandsliga Nordbaden antraten. Am Sonntag, 25.04.2010, dem letzten Saisonspieltag, ist nun mit dem 5,5:2,5-Erfolg gegen Waldbronn der erneute Aufstieg in die vierthöchste deutsche Spielklasse gelungen.

Mit entscheidend für diesen Erfolg waren zwei Eigenschaften, mit denen sich die Erste Mannschaft in dieser Spielzeit in ganz besonderer Weise auszeichnete und von den meisten ihrer Konkurrenten abhob: der Einsatzwille und die mannschaftliche Geschlossenheit.

Die Konsequenzen aus diesen Eigenschaften trägt jeder Verein gerne. So war zum einen für die über die Saison verteilten neun Wettkämpfe an jeweils acht Brettern lediglich ein Kader von insgesamt neun Spielern notwendig. Zum anderen konnten sich drei Spieler aus Birkenfeld in den Top 10 der Scorerliste der Liga eintragen und keiner der neun Wettkämpfe ging verloren. Mit lediglich zwei unentschiedenen Kämpfen und dem daraus resultierenden konstanten Aufenthalt auf einem der beiden ersten Tabellenplätze ist der Aufstieg die logische Konsequenz einer glänzenden Saison.

Der Grundstein für diesen Erfolg hierfür wurde bereits vor über dreißig Jahren gelegt mit dem Start der Birkenfelder Jugendarbeit. Gehen doch alle Spieler der erfolgreichen Aufstiegsmannschaft aus dieser Jugendarbeit hervor. Auch wenn das Team mit sieben Spielern unter 28 Jahren vergleichsweise jung ist, spielte doch die langjährige Vereinszugehörigkeit und innere Verbundenheit mit dem Verein eine maßgebliche Rolle.

Mannschaftsfoto Aufstieg 2010


Auf dem Bild sind von links nach rechts:

Merten Hubel, Fabian Malheur, Fabian Metzger, Tomislav Bodrozic, Joachim Braun, Christian Staib, Sina Böttger, Marko Böttger, Rüdiger Braun
 


Geduld ist bitter, aber ihre Frucht schmeckt süß (Jean-Jacques Rousseau)
Die kurze Zusammenfassung einer aufregenden Saison

In ganz besonderer Weise und gleich in mehrfacher Hinsicht wurde diese Tugend von den Birkenfelder Schachspielern im Verlaufe der vergangenen Saison abverlangt. Der Saisonverlauf an sich war da nur eine Facette. Nachdem wir die ersten beiden Runden souverän gewinnen konnten, hieß der Gegner der dritten Runde Pfinztal - als einer der beiden Absteiger aus der Verbandsliga auch wie sich letztlich herausstellte der hartnäckigste Konkurrent im Aufstiegskampf, den mitzubestimmen in diesem Jahr unser Ziel war. Mit zwei unentschiedenen Kämpfen waren die Pfinztaler bis dahin allerdings noch hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Und so war das mühevoll erkämpfte 4-4 ausreichend, zumindest diesen Konkurrenten auf Distanz halten. Nicht nur mühevoll, sondern streckenweise dramatisch ist die wohl treffendere Beschreibung dieses Matches. Kam es doch mindestens an vier Brettern zu wahren Achterbahnfahrten bezogen auf den jeweils zu erwartenden Spielausgang. Besonders hervorzuheben sind dabei die Partien von Tomislav Bodrozic, der eine nach der Eröffnung verloren scheinende Partie zunächst zu seinen Gunsten drehen konnte, die Gewinnchancen seinerseits nicht nutzte und letztlich mit Remis zufrieden sein konnte, und von Sina Böttger, die in - sowohl für die Zuschauer als auch offensichtlich für die Spieler selbst - komplett verwirrender Stellung dem Gegner soviel Zeit abnehmen konnte, dass dieser am Ende seiner Bedenkzeit angekommen seine Gewinnstellung in eine Niederlage verwandelte. Ein Spiel, das neben der oben beschriebenen Eigenschaft des Einsatzwillens auch unsere Ambitionen in Sachen Aufstiegskampf bestätigte.

Der Blick auf die Tabelle zeigte nun jedoch die 2. Mannschaft der Karlsruher Schachfreunde, die auch ihr drittes Spiel gewinnen konnten, mit leichtem Vorsprung auf Platz 1. Wie gut, dass wir die Chance hatten, dies in der folgenden vierten Runde im direkten Duell gleich wieder wettzumachen.
Dabei kam uns das 4-4 gegen Pfinztal sicherlich zu pass. Denn, wie sich aus der Karlsruher Berichterstattung zu Runde 4 unschwer erkennen ließ, hatten uns diese vor, aber auch nach diesem Spieltag nicht ernsthaft auf der Rechnung, da man sich die Birkenfelder doch "nicht wirklich als Aufsteiger vorstellen" kann.
Wir hingegen hatten genau dieses Spiel als das entscheidende Match der Saison ausgemacht. Und just an diesem Spieltag stand auch der gesamte Kader zur Verfügung - ein Beleg für die mannschaftliche Geschlossenheit und gleichzeitig die Möglichkeit mit der Aufstellung zu taktieren. Und so gönnte sich der Mannschaftsführer an Brett 2 eine Auszeit. Eine Maßnahme, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Offenkundig überrascht durch seinen "neuen" Gegner bot der für seine frühen Remisanträge gefürchtete Spieler der KSF an Brett 2 dieses mal sogar bereits mit seinem 10.Zug  s die Punkteteilung an. Obwohl unser Spieler doch um satte 130 DWZ-Punkte unterlegen war, lehnte er das Angebot im Sinne der Mannschaft ab, was für jeden engagierten Schachspieler nachvollziehbar war. Dass er später selbst in leicht besserer Stellung Remis bot, geschah keineswegs „kleinlaut“, wie der Karlsruher Berichterstatter später höhnte, sondern war erneut der Mannschaft geschuldet, da die Lage für das Birkenfelder Team immer besser wurde und man den Sack zumachen wollte. Die Annahme des Remisgebots durch den Gegner spricht hinsichtlich dessen Mannschaftsdienlichkeit Bände.

Aber es war nicht allein dieses Remis, das den Birkenfelder Mannschaftsführer überraschte. Ließen sich doch nach und nach an fast allen Brettern die Karlsruher trotz Rückstands auf eine Punkteteilung ein, auch an Brettern, an denen durchaus noch Chancen bestanden, die Partie zu entscheiden. Letzten Endes verblieb nach gerade einmal 3,5 Stunden Spielzeit nur noch das Spiel an Brett 7, an dem wir aber bis zur Blitzphase der ersten Zeitkontrolle deutliche Vorteile besaßen. In der Blitzphase wendete sich das Blatt zwar kurzzeitig, aufgrund der hohen Zeitnot des Karlsruhers konnte dieser seine letzte Chance jedoch nicht nutzen und willigte letztlich mit Minusqualität in das mannschaftskampfentscheidende Remis ein.

Diese für Karlsruhe nicht erwartete Niederlage hinterließ offenbar tiefe Spuren. In deren Pressebericht ging es wenig objektiv zu (die erfolgreiche Birkenfelder Spielanlage als „Mauern“ zu bezeichnen ist angesichts des höchstens schwach ausgeprägten Siegeswillens der Karlsruher nur schwer verständlich), wie bereits während der Begegnung, als die Proteste wegen angeblich zu hoher Lautstärke im Turniersaal und gegen den Birkenfelder Mannschaftsführer ebenfalls nur von einer Person ausgingen und denen sogar von den eigenen Mitspielern widersprochen wurde. Doch damit nicht genug.

Die Auslosung wollte es so, dass wir in dieser Saison sogleich auf die in der selben Spielklasse antretende dritte Mannschaft der Karlsruher Schachfreunde trafen. Diese Tatsache allein sollte kein Problem darstellen, war diese Mannschaft bis zu diesem Zeitpunkt doch mit nur einem Sieg auf dem vorletzten Tabellenplatz gelistet. Rechneten wir durchaus mit einer gewissen Verstärkung der Mannschaft für den anstehenden "Revanchekampf", übertraf das dann Dargebotene allerdings auch unsere kühnsten Erwartungen.

Man kann das Ausnutzen einer offensichtlichen Lücke im Regelwerk, die es ausgerechnet in dieser Runde erlaubte auch die Oberligaspieler der Karlsruher ersten Mannschaft in der Landesliga einzusetzen, durchaus wie es die Karlsruher im Nachhinein taten als "Auslosungsglück" bezeichnen. An dieser Stelle sollte unseres Erachtens aber auch eine andere Betrachtungsweise Erwähnung finden, die den Einsatz von 5 Spielern aus dem Oberligakader, verteilt auf die 2 Landesligamannschaften schlicht als "unsportliche Wettkampfverzerrung par excellence" bezeichnet.

Wirklich Leidtragende aus dieser Maßnahme waren aber die Waldbronner, die an diesem Spieltag gegen die 2. Mannschaft der KSF antreten mussten und trotz der verstärkten gegnerischen Mannschaftsaufstellung nur knapp mit 4,5 zu 3,5 verloren.

In unserem Match dagegen, und an dieser Stelle muss ein wenig Spott erlaubt sein, waren die Karlsruher augenscheinlich mit den großen Umstrukturierungen überfordert und begingen einen Aufstellungsfehler, der den an den Brettern errungenen, ebenfalls sehr knappen Sieg kostete. Das Spiel wurde durch Schiedsrichterentscheid zu unseren Gunsten gewertet, worin wir wiederum ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit erkennen können, kann es doch vom Regelwerk nicht ernsthaft gewollt sein, dass ein Verein mit seinem Oberligakader gleichzeitig einer weiteren Mannschaft zum Aufstieg in die Verbandsliga und einer dritten zum Verbleib in der Landesliga verhelfen kann.

Seiner Verwunderung und Anerkennung möchte an dieser Stelle der Mannschaftsführer der Birkenfelder Ausdruck verleihen, dem noch vor und während dieses Spieltages selbst aus der Vorstandsebene des Karlsruher Schachvereins entschuldigende Worte für die Aufstellungsmaßnahmen zugesprochen wurden. Es stellt sich unweigerlich die Frage, wer denn für solche auch in vielen anderen Vereinen auf Unverständnis stoßende Maßnahmen verantwortlich zeichnet.

Mit diesen beiden Siegen hatten wir erstmals in der Saison allein die Tabellenführung inne. Leider aber nicht lange, denn bereits nach Runde 6 kam wiederum die für den Saisonverlauf notwendige Geduld zu ihrem Recht. Denn gegen die zu diesem Zeitpunkt drittplatzierte Mannschaft aus Mühlacker reichte es nach zumindest an zwei Brettern verschenkten halben Punkten nur zu einem 4-4. Stark ernüchtert von diesem unerwarteten und vom Spielverlauf her auch unnötigen Unentschieden rutschten wir wieder ab auf den 2. Tabellenplatz hinter die Karlsruher. Das bedeutete für uns, dass wir auf die Schützenhilfe eines anderen Vereins angewiesen waren. Die Hoffnung war nicht gering, da in Runde 8 das Spiel der beiden Verbandsligaabsteiger zwischen Karlsruhe und Pfinztal auf dem Plan stand.

Voraussetzung war aber natürlich, dass wir unsere Spiele gewinnen. Mit Conweiler stand in Runde 7 dabei noch ein Gegner bevor, gegen den in den letzten Jahren viele knappe, aber zumeist erfolglose Matches zu Buche standen. Doch auch hier entschied, wie im Spiel gegen Pfinztal, der stärkere Siegeswillen das Match. Das wohl entscheidende Spiel durfte dabei Marko Böttger austragen, der trotz schlechterer Stellung seinen Gegner über die Bedenkzeit lupfte und somit den Grundstein für den 5-3 Erfolg legte. Aber auch die Konkurrenten gewannen wie erwartet ihre Matches.

In Runde 8 war dann der abgeschlagene Tabellenletzte aus Jöhlingen der Gegner. Der Kampf verlief der Tabellensituation entsprechend. Auf den schnellen Sieg durch unseren Topscorer Christian Staib an Brett 8 folgten 4 schnelle Remis an den Brettern 1 bis 4. Nach einem weiteren Remis an Brett 7 wurden die besseren Stellungen an Brett 5 und 6 schließlich auch in volle Punkte umgewandelt und der Kampf endete 5,5 zu 2,5 für uns.Spannender als dieser Mannschaftskampf gestaltete sich dann das Warten auf das Ergebnis aus Pfinztal. War dies doch unsere letzte Chance noch einmal in den Aufstiegskampf einzugreifen, da Karlsruhe in der letzten Runde mit Jöhlingen den schwächsten Gegner zu Gast hatte.

Umso größer war die Freude, als der Pfinztaler Sieg dann im Internet veröffentlicht wurde. Mit diesem Sieg kletterte auch Pfinztal in der Tabelle an den Karlsruhern vorbei und wurde damit wie erwähnt zu unserem hartnäckigsten Aufstiegskonkurrenten.

Den Lohn unserer Geduld wollten wir uns nun im letzten Spiel von den Waldbronnern nicht mehr nehmen lassen. Erneut stand zu diesem letzten entscheidenden Match der gesamte Kader zur Verfügung. Allerdings waren die Waldbronner an diesem Tag nicht in der Lage, uns ernsthaft zu gefährden. Durch Konfirmation und Kommunion stark dezimiert, reiste die in der Tabelle hoffnungslos im Mittelfeld positionierte Mannschaft nur mit 5 Spielern an. Das bedeutete, dass der in dieser Saison so glänzend aufspielende hintere Mannschaftsteil mit Marko Böttger, Fabian Malheur und Christian Staib, die alle drei unter den TopTen der Scorerliste der Landesliga platziert sind, diesmal nur zuschauen durften. Unterstützt durch diese kampflose 3-0 Führung war der Kampf dann auch relativ schnell entschieden. So wurde durch den Sieg von Fabian Metzger an Brett 5 und drei weiteren Remis der 5,5 zu 2,5 Endstand und somit der Aufstieg in die Verbandsliga sicher gestellt.

Eine geschlossene Mannschaftsleistung, hoher Siegeswillen und viel Geduld waren die Erfolgsgaranten. Und es ist schön zu sehen, dass auch in anderen Vereinen diese Tugenden erkannt und anerkannt werden. Wir bedanken uns auf diesem Wege bei unseren zahlreichen Gratulanten!

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